Ignorieren hilft nicht – Strategien für die digitale Transformation

Bildquelle: BWI

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Wie schafft man es, nicht von der digitalen Transformation überrollt zu werden? Auf der „NetWork16“ in Leipzig diskutierten Fachleute von VW, BMW, dem WDR sowie von Softwaredienstleistern und Beraterfirmen über Strategien für Unternehmen, IT-Abteilungen und den Menschen dahinter.

Seit den Neunzigerjahren geistert ein Akronym durch die Welt des strategischen Managements: VUCA. Es steht für die Attribute „volatile“, „uncertain“, „complex“ und „ambiguous“ und beschreibt den aktuellen Zustand unserer Welt. Demnach ist sie instabil, unsicher, komplex und vieldeutig. Und es scheint, als habe diese Beschreibung erst mit dem zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine gewisse prophetische Kraft bewiesen. Die digitale Transformation verändert unsere Welt so schnell wie noch nie. Gleichzeitig ist sie so undurchschaubar, dass Unternehmen, die das falsche Geschäftsmodell haben oder IT-Manager, denen die richtigen Skills fehlen, schnell von der Bildfläche verschwinden – auch wenn sie vorher jahrzehntelang erfolgreich gewesen sind. Andere haben bereits Wege gefunden, sich der „VUCA-Artigkeit“ unserer Welt anzupassen. Traditionelle Grenzen, wie diejenige etwa zwischen Autohersteller und Softwarekonzern, haben sie hinter sich gelassen. Ist das der Weg, den auch die IT gehen muss?

Das digitale Konsumverhalten beschleunigt den Wandel

Die Digitalisierung ist kein Hype, darin waren sich alle Teilnehmer des Plenums einig. Wer sie auszusitzen versucht, begeht einen schweren Fehler. Vier Säulen sieht Michael Stratmann, Head of User Platforms bei der BMW Group: die Digitalisierung der Kundenschnittstelle via Internetportal, die der Produkte, beispielsweise hin zum autonom fahrenden Auto, die Digitalisierung der Industrie und schließlich die der Arbeitsplätze. Nicht nur Digital Natives haben diese Entwicklungen längst verinnerlicht. Die Menschen beginnen, die vernetzten Möglichkeiten in allen Bereichen ihres Lebens zu nutzen. Das bringt ein völlig neues Konsumverhalten mit sich. Das Resultat: großer Druck für alle Akteure am Markt.

Was IT-Verantwortliche tun können

„Mit Service Management kann man ein paar der Herausforderungen bewältigen“, sagt Stratmann. Das hieße zum Beispiel, Telefonate oder Tickets zu automatisieren. Ein anderes Thema sei die Service-Verantwortung für den kompletten Lifecycle von Services. Stratmann sieht hier die Notwendigkeit der neuen Rolle des „Service Owners“ oder „Service Managers“. Dieser ist von der Entstehung des Services über die Operation bis zu dessen Abkündigung verantwortlich, kundenseitig sowie intern. Das bedeutet: raus aus den „Silos“ und hinein in die Service-Orientierung. Gleiches fordert Harald Berg, Leiter der Abteilung IT Processes, Tools and Infrastructure bei der Volkswagen AG: „Wir müssen vom Manufakturbetrieb weg. Wir brauchen auf der Betriebsseite Kollegen, die nicht nur administrieren, sondern auch automatisieren können. Sie müssen die gesamten Prozesse verstehen.“ Für den VW-Manager ergibt sich diese Forderung aus den veränderten Anforderungen an die Konzern-IT. Bei VW ist sie es, die heute die Backends für die sich schnell verbreitenden mobilen Onlinedienste bei VW zur Verfügung stellt, nicht mehr die Entwicklungsabteilung. Bei vielen Millionen Anwendern werden Systeme in ganz anderen Dimensionen nötig und das wiederum erfordere neue Rollen und Kompetenzen.

Anforderungen, die in allen Branche gleich sind: „Egal, ob da jemand ein Auto baut oder einen Medieninhalt nach draußen bringt“, sagt Stefan Preis vom Westdeutschen Rundfunk. ,,Am Ende ist das nur mit IT-Unterstützung möglich, und zwar automatisiert. Ich muss in der Lage sein, Anforderungen schnell annehmen zu können, ohne erst darüber nachzudenken, wie ich sie technisch umsetze. Das Brot- und Buttergeschäft muss per Automatisierung abgearbeitet werden, erst dann kann ich maßgeschneiderte Produkte an den Mann bringen.“

Neue Skill-Sets für IT und Menschen

Wer automatisieren will, muss laut Patrick Büch, Head der Businessline Service Management der FNT GmbH, weg von der alten „Konstruktionsdenke“ für individuelle, projektorientierte Services und hin zu einer „Produktionsorientierung“. Dafür sieht er drei Skills als notwendig: erstens ein methodisches Vorgehen, zweitens einen Service-Broker, also eine klare Servicearchitektur, in der sich Services kombinieren und daraus schnell neue Produkte bauen lassen, sowie drittens die technischen Mitteln, dies alles zu orchestrieren.

Silos werden aufgelöst, Servicearchitekten sind gefragt, die ehemals getrennte Bereiche zusammendenken können und die Verantwortlichkeiten wachsen entsprechend über alte Grenzen hinaus – Ist also das Ende des Spezialisten gekommen? Wer wird in der IT zukünftig gefragt sein? Michael Stratmann: „Kaum einer weiß mehr, ob er das, was er heute tut, auch noch in drei Jahren tun wird. Die Anforderungen an die Skills ändern sich. Das Wichtigste ist deswegen die Veränderungsbereitschaft. Wer sie annimmt, braucht keine Angst davor zu haben, überrollt zu werden. Denn es geht zwar schnell, aber so schnell geht es auch wieder nicht.“

Außerdem – der Meinung ist Harald Berg – wird es in den kommenden Jahren noch eine „IT der zwei Geschwindigkeiten“ geben: „Diejenigen, die sich nicht bis zum neuesten Stand der Technik weiterqualifizieren, werden in dem Bereich unterkommen, der etwas langsamer vorangeht. Denn die Applikationen, die in den Unternehmen schon seit dreißig oder vierzig Jahren im Einsatz sind, werden nicht morgen früh um 8 alle verschwunden sein.“

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