Wie revolutionär ist Industrie 4.0 wirklich?

Bildquelle: BWI

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Jeder will dabei sein, um den Anschluss an den globalen Wettbewerb nicht zu verpassen. Aber ist Industrie 4.0 wirklich neu – oder bereits seit Jahren gängige Praxis? Ein hochkarätig besetztes Panel auf der Multikonferenz Wirtschaftsinformatik (MKWI) 2016 in Ilmenau nahm den Megatrend aus verschiedenen Perspektiven unter die Lupe.

Kartellrecht 4.0, Wirtschaftsinformatik 4.0, Einkauf 4.0: Mehr als 60 dieser Wortneuschöpfungen wollen Forscher gezählt haben. Der Hype um cyberphysische Fertigungssysteme hat das Business-Vokabular infiziert. An öffentlichkeitswirksamem Marketing mangelt es also nicht. Aber was steckt wirklich hinter dem Erfolgswort „Industrie 4.0“? Handelt es sich tatsächlich um die „vierte industrielle Revolution“ nach Dampfmaschine, Elektrifizierung und Computerisierung – oder nur um alten Wein in neuen Schläuchen?

Revolution, Evolution oder beides?

Die Anfänge von „Industrie 4.0“ liegen bereits Jahrzehnte zurück. So sei das „Mass-Customizing-Zeitalter“ um 1980 angebrochen, sagte Panel-Teilnehmer Gerrit Häcker, CEO von Häcker Automation. Es handle sich also um eine Evolution – allerdings um eine mit potenziell revolutionären Folgen, wenn Unternehmen die neuen Möglichkeiten kreativ für ihr Business nutzten. Ähnlich äußerte sich Dr. Jens Pöppelbuß, Juniorprofessor für Industrienahe Dienstleistungen an der Uni Bremen. „Die technischen Möglichkeiten allein sind keine Revolution.“ Diese sei erst erreicht, wenn Unternehmen mit Blick auf Technologieinnovationen den Kunden endlich konsequent in das Zentrum ihrer Geschäftsmodelle rückten. Beispielsweise, indem sie die Basis für eine Massenproduktion nach Losgröße eins legten, um hochindividualisierte Produkte kosteneffizient an den Konsumenten zu bringen.

Neue Fähigkeiten, neue Anforderungen

Häcker nennt als Hauptmerkmal von Industrie 4.0 die agile Vernetzbarkeit von Systemen. Diese ermögliche es Unternehmen, flexibler auf die rasante Dynamik der Geschäftswelt zu reagieren. Märkte wandelten sich heute in Wochen oder gar Tagen, auch Lieferzeiträume würden radikal schrumpfen. Bald könnte es etwa auch im Maschinenbau normal sein, wenn Produkte montags bestellt und freitags geliefert werden. Spannend seien darüber hinaus neue, serviceorientierte Geschäftsmodelle, ergänzte Dipl.-Ing. Thomas Schulz, Channel Manager Central & Eastern Europe bei GE Digital. Sein Unternehmen verkaufe bereits heute die Verfügbarkeit seiner Turbinen statt der Turbinen selbst.

Erfahrene Partner sind gefragt

Es wird auch Verlierer der Entwicklung geben, sind sich alle Experten sicher. Dazu würden alle Unternehmen zählen, die die Wucht der aktuellen Umwälzung unterschätzten und glaubten, ihre Branche sei nicht betroffen. Gerade auch Mittelständler seien mit der digitalen Transformation häufig überfordert, sowohl finanziell als auch hinsichtlich der im eigenen Haus verfügbaren Kompetenzen und Ressourcen. Dabei könnten Kooperationen helfen: Es brauche Partner mit viel Erfahrung in großen, komplexen, vernetzten IT-Systemen. Dann sei sogar ein Innovationsvorsprung vor Konzernen möglich, denn diese hätten zwar mehr Mittel zur Verfügung, aber auch unverhältnismäßig komplexere Prozesse und Strukturen, die eine grundlegende Transformation enorm aufwendig machten.

IT-Sicherheit im Fokus

Völlig neue Anforderungen kommen auch auf Sicherheitsverantwortliche zu. Viele Unternehmen würden die Wichtigkeit einer zeitgemäßen Cyber Security noch immer unterschätzen und an überholten Methoden festhalten, so die Experten. Wenn alles mit allem vernetzt sei, hieße das nämlich auch, dass Kriminelle leichter ins System eindringen könnten. Es gelte darum jetzt, die Abwehrfähigkeit der deutschen Wirtschaft und der öffentlichen Einrichtungen konsequent zu stärken. Diese berechtigten Bedenken dürften aber nicht dazu führen, dass die Organisationen zögern dürften. „Es gibt keine kugelsicheren Lösungen“, sagt Häcker. „Wir müssen jetzt loslegen.“

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